Projekt: "Lernen im und mit dem Internet" mit sehgeschädigten Schülern
Als Konsequenz aus den bisherigen Ausführungen, in denen betont wurde, wie wichtig der angeleitete Einsatz des Internet in der Schule ist, wurde begleitend zu dieser Arbeit ein Projekt zum Thema Internet durchgeführt, welches an dieser Stelle vorgestellt werden soll.
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Interesse der Jugendlichen am und im Internet
Dokumentation des Projektverlaufs
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Die wachsende Bedeutung, die den Informations- und Kommunikationstechnologien heute in allen Bereichen zukommt, läßt die Forderung nach einer notwendigen didaktischen Aufarbeitung durch die Schule laut werden. Dieser Aufarbeitung kommt nun in einer Schule für Sehbehinderte und Blinde noch deutlich mehr Gewicht zu, da es für die Schüler durch ihre visuelle Beeinträchtigung wesentlich schwieriger ist, die für Sehende konzipierten Technologien so zu beherrschen, daß sie damit zielgerichtet und kritisch arbeiten und lernen können.
Die Bildungsinitiative Informatik und Telekommunikation nennt in ihrer Studie „Schulen ans Netz" vier Kompetenzen, die unter anderem auch schulisch vermittelt werden sollen:
Diese Forderung trifft auch für sehbehinderte und blinde Kinder zu. Allerdings beinhaltet das Erreichen der Kompetenzen wesentlich mehr Arbeit, wenn man sich eine Internet-Seite mit einer Vergrößerungssoftware nur in kleinen Ausschnitten betrachten oder nur zeilenweise über die Braillezeile auslesen kann (Problem des Verlustes des Überblicks, wenn der Ausschnitt zu klein wird). Deshalb muß die Schule für Blinde und Sehbehinderte den Schülern darüber hinaus noch weitere Kompetenzen vermitteln:
Auch wenn angesichts der Fülle an Forderungen ein an der Kompetenzvermittlung ausgerichtetes Arbeiten nur mit erheblichem Zeitaufwand erreichbar scheint, so läßt doch das anzustrebende Ziel diesen Aufwand gerecht erscheinen. Denn nur die aktive Medienarbeit in der Schule, die kontrollierte und angeleitete Nutzung des Internet bietet nach Eibl die beste Grundlage für einen mündigen und reflektierten Umgang mit dem Medium Internet. Auch Heckt fordert, daß in die „neue Lernkultur heute genauso selbstverständlich Internet und Computer gehören, wie z.B. Projekte oder entdeckendes Lernen". Und Bundespräsident Roman Herzog forderte eine Medienkompetenz, die für ihn „einerseits die Fähigkeit (beinhaltet), Computer und Internet ganz selbstverständlich als Hilfsmittel zu benutzen und andererseits die Fähigkeit, eine vernünftige Distanz zu ihnen zu wahren."
Insbesondere für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche ist eine Auseinandersetzung mit dem Medium Internet in der Schule unabdingbar. In den vorausgegangen Kapiteln wurde dargelegt, wie wichtig ein erfolgreiches Arbeiten mit dem Internet z.B. für spätere Berufschancen ist. Als Konsequenz darf dann aber eine aktive Medienarbeit in der Schule nicht fehlen.
Die Schule für Sehbehinderte und insbesondere die Schule für Blinde ist darüber hinaus in der besonderen Situation, daß für ihre Schüler meist die einzige Möglichkeit, das Internet zu nutzen, in der Schule gegeben ist, da eine Computerausstattung bei ihnen zu Hause z.B. mit Braillezeile sehr kostspielig ist.
Mit diesem Projekt soll den blinden und sehbehinderten Schülern der Projektklasse (siehe Kap. 5.1.3) die genannten Kompetenzen vermittelt werden. Dabei muß allerdings deutlich betont werden, daß im Rahmen des Projekts nur ein Anfang gelegt werden kann, der in weiteren Arbeitsphasen über die nächsten Schuljahre hinweg stetig ausgebaut werden muß. Wegen der zur Verfügung stehenden Zeit ist eine umfangreichere Arbeit im Rahmen des Projektes leider nicht möglich. Es zeichnete sich aber im Verlauf ab, daß die Schüler aufgrund der sehr hohen Motivation gern zu weiteren Unterrichtsthemen Informationsrecherchen im Internet durchführen wollen. Durch diese Arbeit wird sicherlich eine Kompetenzerweiterung gelingen.
Das Projekt läßt sich in sechs Phasen gliedern. Die Verlaufsplanung wurde angelehnt an den Vorschlag für eine Unterrichtseinheit „Lernen im Internet" von Eibl.
Vor dem eigentliche Beginn des Projektes wird zuerst das vorhandene Vorwissen der Schüler mittels eines Fragebogens erhoben, um in der weiteren Projektarbeit, insbesondere in der nächsten Phase, gezielt darauf eingehen zu können.
In der ersten Phase wird den Schülern das neue Medium Internet näher gebracht. Dazu werden die technischen Aspekte besprochen und die verschiedenen Dienste vorgestellt. Auch das soziale Verhalten in den unterschiedlichen Diensten wird angesprochen. Mittels einer Analogie soll versucht werden, den Schülern eine Vorstellung vom Internet zu vermitteln. Nach einer ersten praktischen Erfahrung an einer konkreten Seite wird mit einer Tastfolie den Schülern ein Eindruck vermittelt, wie der Bildschirm aufgebaut ist, damit sie ihn mit der Braillezeile besser auslesen können.
Diese fächerübergreifende Einführung bildet die Grundlage für die weitere schulische Arbeit im Internet.
Anschließend an die erste ausführliche Besprechung einer bestimmten Seite wird den Schülern die Möglichkeit gegeben, aus vorgegebenen Internet-Adressen sich nach Interesse einige auszuwählen und diese aufzurufen und zu lesen. Die Auswahl wird durch die folgenden Kriterien bestimmt:
Zusätzlich bekommen die Schüler zu einer Seite verschiedene Aufträge, zu deren Lösung sie gezielt nach Informationen suchen, Links verfolgen und wieder zurück blättern müssen.
Da ein großer Anwendungsbereich im Internet die Recherche zu einem Thema ist, wird in dieser Phase mit den Schülern exemplarisch eine Suchmaschine besprochen und mit dieser gearbeitet. Ziel soll es sein, daß die Schüler die Bedeutung von möglichst exakten Suchbegriffen sowie die nötige Bewertung der Suchergebnisse erkennen.
Der Themenbereich, zu dem recherchiert werden soll, wird eingegrenzt. Die Schüler sammeln Interessensschwerpunkte und überlegen sich dazu passende Stichwörter.
Mit Hilfe der erarbeiteten Stichwörter und Strategien arbeiten die Schüler nun praktisch im Internet, entweder einzeln oder in Zweiergruppen, je nach gemeinsamen Interessensgebieten. Die Schüler sollen möglichst selbständig arbeiten, können aber jederzeit nach fragen. Die gefundenen Informationen werden ausgedruckt und in einem Themenordner im Klassenzimmer gesammelt, so daß während des Unterrichts darauf zurück gegriffen werden kann.
In einem Rückblick kann mit den Schülern jede Phase auf der Metaebene besprochen werden. Die Schüler können dabei ihre Erfahrungen einbringen und Probleme ansprechen, die für sie im Umgang mit dem Internet noch bestehen. Wünsche der Schüler für weitere Projekte im und mit dem Internet können gesammelt werden.
Das Projekt wurde im Schuljahr 1998/99 nach den Winterferien begonnen und erstreckt sich über einen Zeitraum bis zu den Pfingstferien. Zur Verfügung standen die zwei Stunden des Maschinenschreib-Unterrichts sowie noch einzelne Stunden unter der Woche.
Das Projekt wurde mit der Hauptschulklasse der Nikolauspflege Stuttgart durchgeführt. Die Nikolauspflege ist eine private Stiftung der evangelischen Kirche, die als Heimsonderschule eine staatlich anerkannte Grund- und Hauptschule für Blinde und Sehbehinderte führt.
Aufgrund der geringen Schülerzahl besteht die Hauptschule nur aus einer Klasse, welche die Jahrgangsstufen 6 - 9 umfaßt. Insgesamt sind 7 Schülerinnen und Schüler in der Gesamtklasse, die sich wie folgt auf die einzelnen Jahrgangsstufen verteilen:
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Klasse 6: |
2 Schülerinnen, 1 Schüler |
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Klasse 7: |
2 Schüler |
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Klasse 8: |
1 Schülerin |
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Klasse 9: |
1 Schüler |
Zum Visus der einzelnen Schüler:
Der Schüler der 6. Klasse sowie die Schülerin der 8. Klasse besitzen einen Sehrest, der gezielt gefördert wird. Sie lernen zusätzlich zu Braille auch Schwarzschrift. Allerdings ist der Sehrest so gering, daß sie Unterrichtstexte in Braille bevorzugen. Die übrigen Schüler besitzen nur noch einen sehr geringen bzw. keinen Sehrest mehr, so daß diese vollständig mit Braille arbeiten.
Diese Gegebenheiten haben für das Projekt folgende Konsequenz:
Insbesondere die Schülerin der 8. Klasse wird vorrangig mit der Vergrößerungssoftware LP-WIN arbeiten, an ihrem Bildschirm werden auch die Grafiken angezeigt. Im Verlauf des Projektes benützte auch der Schüler der 6. Klasse immer öfter einen Computer mit Vergrößerungssoftware, da ihn die Bilder faszinierten. Die anderen Schüler arbeiten jeweils mit der Braillezeile.
Computer: Sehgeschädigtenspezifische Anpassungen
ñDie Nikolauspflege unterhält drei Computerräume, wovon allerdings nur von zwei der Zugang zum Internet möglich ist. In diesen beiden Räumen stehen jeweils vier PC mit einer Braillezeile der Firma Papenmeier sowie mehrere PC mit großen Bildschirmen zur Verfügung. Dies bedeutet, daß sich teilweise 2 Schüler einen PC mit Braillezeile teilen müssen, da nur ein Raum für eine Stunde belegt werden kann. Es wird abwechselnd gearbeitet.
Die Schüler besitzen Vorkenntnisse im Umgang mit dem Computer. Der Maschinenschreib-Unterricht findet ebenfalls am PC statt, so daß den Schülern der Umgang mit den Microsoft-Produkten Windows und Word bekannt ist. Für diese Stunden wird die Klasse allerdings aufgeteilt und ein Teil wird im dritten Computerraum der Nikolauspflege in Maschinenschreiben unterrichtet. Dieser Raum ist mit Braillezeilen der Firma HandyTech ausgestattet, so daß den Schülern die Braillezeile der Firma Papenmeier unbekannt ist. Da es zwischen den Braillezeilen Unterschiede gibt, wird darauf in den ersten Projektstunden individuell eingegangen und den Schülern die nötigen Kenntnisse vermittelt.
Die Durchführung des Projektes findet im PC-Raum statt, der mit 4 Braillezeilen der Firma Papenmeier Marke 2D-SCREEN sowie Großbildmonitoren ausgestattet ist. Die Braillezeilen besitzen sowohl eine vertikale als auch eine horizontale Anzeige. Die horizontale Anzeige ist die reguläre Angabe des Bildschirminhaltes, auf der vertikalen kann der Füllstand (wo steht etwas auf dem Bildschirm) angezeigt werden. Mit einer Modifikation kann auf dieser Zeile auch angezeigt werden, in welcher Zeile sich ein Link befindet.
Um die Ausgabe des Windows-Bildschirms auf die Braillezeile zu ermöglichen, läuft auf den PCs die Braille-Ausgabesoftware WINDOTS der Firma Papenmeier. Dieses System orientiert sich an dem visuellen Erscheinungsbild von Windows, das in eine tastbare textuelle Oberfläche umgesetzt wird. Ziel der Firma ist hierbei, daß die Kommunikation zwischen Sehenden und Sehgeschädigten erleichtert wird. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht die Orientierung des sehgeschädigten Benutzers erschwert.
Kommt eine Vergrößerungssoftware zum Einsatz, arbeiten die Schüler mit VISULEX LP-WIN ebenfalls von der Firma Papenmeier, mit der eine 2- bis 16fache Vergrößerung möglich ist.
An der Nikolauspflege wurde einige Monate vor Beginn des Projektes von einer freien Mitarbeiterin der Firma Papenmeier eine Vorführung zum Thema Arbeiten im Internet mit dem Browser von Netscape durchgeführt. Dabei wurde die Kompatibilität der Braillezeile mit diesem Browser betont, so daß zur Durchführung des Projektes ebenfalls der Netscape Navigator gewählt wird, der bereits auf den entsprechenden PCs installiert ist.
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Interesse der Jugendlichen am und im Internet
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